Home
Gemälde
Ausstellungen
Lotte Kristoferitsch: Nichts versäumt
Cornelia Lein: Im Zweifel für die Übersicht
Christoph Strolz: Not a song
Koloman Kann: Textbilder
CV
Impressum und Kontakt
Nichts versäumt
Text zur Ausstellung: Andere Baustelle…
Von Lotte Kristoferitsch, 2025
Bei meinem Besuch in Koloman Kanns Atelier, um seine neue Bildserie vorab zu sehen, kam mir unweigerlich Stewart Brands Theorie der „Shearing Layers“ in den Sinn – eine Denkfigur aus der Architekturtheorie, die Gebäude als Systeme begreift, die sich in unterschiedlichen Schichten und Geschwindigkeiten verändern: von der Struktur über die Hülle bis hin zur Nutzung. Diese Idee scheint auch Kann‘s Arbeiten zu durchziehen – nicht als architektonisches Konzept, sondern als malerische Methode und gedanklicher Unterbau.
Koloman Kann malt seit Jahren im gleichen Format – 80 × 80 cm –, ein Maß, das nicht nur in seine Tasche, sondern auch in seinen Alltag passt. Er pendelt zwischen Atelier und Wohnung, zwischen öffentlichem Blick und privater Reflexion. Seine Bildserien entstehen meist in Vierergruppen und geben intime Einblicke in sein eigenes oder in das Leben ihm nahestehender Menschen – abgebildet oder nicht.
Mit seiner neuen Serie „Nichts versäumt“ überrascht Kann nun mit einer neuen Wendung. Die vier Bilder dieser Arbeit sind keine lineare Abfolge, sondern eine Art Geschwisterreihe: Jedes Bild basiert auf dem jeweils vorhergehenden, das fotografiert, verfremdet, übertragen und erweitert wird – ein fortlaufender Kreislauf von Transformation. Das Ursprungsbild (Bild 1) wird dabei immer wieder überarbeitet, fotografisch dokumentiert und als Ausgangspunkt für das nächste Bild genommen. Die Motive verschachteln sich ineinander, überlagern sich in Schichten von Acryl und Öl. Orientierung geben lediglich wiederkehrende Bildelemente – etwa markante Säulen –, die wie Orientierungspunkte durch die Serie führen. Diese Technik erzeugt nicht nur eine ästhetische Tiefe, sondern auch ein Gefühl von Zeitlichkeit. Anders als in Kanns bisher gezeigten, oft statischen Portraits, tritt der/die Betrachtende hier in einen dynamischen Prozess ein: Man wird Teil eines Werdens, Teil einer „anderen Baustelle“.
Diese Baustelle ist nicht nur bildlich, sondern real: Die Serie zeigt einen mit Kann befreundeten Wiener Bauherren, der inmitten seines Wohnungsumbaus porträtiert wird – oder besser gesagt: inmitten eines offenen Prozesses, einer Suche nach Form, Funktion und Sinn im eigenen Lebensraum. Die Bilder entstanden, als sich die Wohnung in einem Zustand des Umbruchs befand – Ziegel gestapelt, Böden geöffnet, Wände durchbrochen und teilweise mit Planen verhängt, um die Witterung anzuhalten. Alles ist im Werden, nichts abgeschlossen. Wie bei Kanns Arbeiten entsteht auch hier eine Art Schwebezustand zwischen Entwurf und Realisierung, zwischen Öffnung und Rückzug. Der Vergleich zur Biedermeiermalerei drängt sich auf – vor allem bei der Darstellung von Innenräumen und ihrer Bewohner*innen. Doch während ein Maler wie Spitzweg das Idyll suchte, zeigt Kann die Bruchstellen. Die Wohnung ist nicht Dekor, sondern Denkraum. Die porträtierte Person erscheint nicht frontal oder repräsentativ, sondern wie zufällig im Bild verankert – ein flüchtiger Akteur in einem komplexen Metabild.
„Die Malerei“, so Koloman Kann selbst, „hat sowohl eine Abgeschlossenheit als auch einen prozessualen Charakter.“ Seine Arbeiten bewegen sich zwischen Realismus und Verfremdung, zwischen Struktur und Auflösung. In seiner neuesten Serie verbindet er die vertraute prozessuale Bild-im-Bild-Technik mit einer neuen, deutlich ausgeprägteren Beziehung zwischen Bild und Raum, wobei zugleich eine sehr persönliche, beinahe archäologische Erzählweise hervortritt.
So lässt sich vielleicht auch der Titel der Serie verstehen: „Nichts versäumt“ – ein Hinweis darauf, dass im Unvollständigen, im Prozesshaften selbst ein Wert liegt. Dass nichts verloren geht, solange es im Bild nachwirkt.